Die Geschichte vom schwarzen Lamm, dem weissen und dem goldenen Schaf

Dies ist die Geschichte einer ganz normalen grossen Schafherde – für die sich am Ende jedoch vieles ändert. Ganz typisch sind alle Tiere weiss. Bis auf eines: Das kleinste Lamm sticht heraus, mit seinem glänzenden schwarzen Fell. Fällt es auch sonst auf?
 
Rex, der Schäferhund des Hirten, hat in der Herde das Sagen. Er trägt grosse Verantwortung und deshalb sind für ihn folgsame Schafe richtige Goldschafe. Wenn er bellt: «Alle nach links!» oder «Rechts um!» oder «Halt!», dann tun die Tiere auch wirklich brav, was er befiehlt.
Doch folgen alle den Anordnungen des Hundes? Nein, das kleine schwarze Lamm tanzt immer wieder aus der Reihe, weil es einfach nach links springt, obwohl es nach rechts sollte. Warum auch nicht: Es hat gerade so schön taggeträumt oder über etwas Wichtiges nachgedacht.
Das verstimmt Rex. «Das kleine schwarze Lamm ist keines unserer Goldschafe!», beschwert er sich beim Hirten. «Und es denkt zu viel. Lämmer brauchen nicht zu denken. Ich denke für sie!»
Der Hund besteht auf Gehorsam und Disziplin. «Warte nur», knurrt er das schwarze Lamm an. «Nach der ersten Schur wirst du verkauft. Dann herrscht wieder Ordnung in der Herde.»
 
Das Kleine erschrickt: Verkauft werden? Niemals! Lieber wird es davonlaufen, frei sein und die Welt entdecken. Ein letztes Mal sieht das schwarze Lamm sich in der Herde um: Niemand beachtet es, alle grasen, wo sie immer grasen – auf einer Weide, die ohnehin immer karger wird, so bemerkt das Lamm. Was soll es noch hier! Voll Abenteuerlust schleicht es sich nachts weg. Am nächsten Morgen zählt der Hirte bestürzt seine Schafe: Es sind nur noch 127 statt 128. Sofort sieht er, dass der gewohnte dunkle Fleck im Weiss der Herde fehlt – das schwarze Lamm. Und wie das Lamm sieht er noch etwas anderes: Die weissen Tiere weiden auf den letzten trockenen Stellen – bald wird auf dieser Weide kein Gras mehr wachsen.
Ohne lange zu überlegen, macht sich der Hirte auf die Suche nach dem schwarzen Lamm. Nicht nur, weil es sein Schaf ist, sondern auch, weil er das kleine Tier für seine Stärke bewundert: Es braucht schliesslich Mut, alleine seinen Weg zu gehen. Die braven weissen Schafe lässt der Hirte in der Obhut des Hundes, sie gehorchen ja aufs Wort.
 
Der Hirte wandert durch unwegsames Gelände, durch tiefe Täler und über hohe Berge. Nach vielen Tagen steht er mit einem Mal auf einer weiten grünen Wiese – und im saftigen Gras springt ein kleiner schwarzer Fleck herum. Das Lamm! Der Ausreisser hat kostbares Weideland entdeckt. Der Hirte lächelt in sich hinein. Warum ist er nicht wirklich überrascht?
Als der Hirte das wiedergefundene Lamm auf die Arme nimmt, ist er nicht nur voller Erleichterung, sondern auch voller Stolz auf sein schwarzes goldenes Schaf: Dank dieses kleinen Rebellen gibt es nun Nahrung in Hülle und Fülle für die ganze Herde. Das muss auch der strenge Schäferhund Rex anerkennen.
 
Endlich wieder saftiges grünes Gras im Überfluss! Die weissen Schafe grasen glücklich zusammen mit dem mutigen kleinen Lamm, das für sich selbst gedacht und so die neue Weide entdeckt hatte. Der Hirte schmunzelt: Im Sonnenlicht funkeln alle 128 Schafspelze wie Gold – schwarze und weisse. Braucht nicht jede Herde «schwarze Schafe»?